Rückschau: Profit macht hungrig

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ARD  | 17 Juni 2012
 
Nyikaw Ochalla engagiert sich für die Opfer des "Bodenrauschs" in Afrika und insbesondere in Äthiopien.
Der Wettlauf um die besten Böden der Welt, der Lebensgrundlage allen Wirtschaftens, ist in vollem Gange: Eine Fläche so groß wie Westeuropa, schätzungsweise rund 220 Millionen Hektar, hat seit Beginn des 21. Jahrhunderts den Besitzer gewechselt. 
 
Ob als Produktionsort für Export-Gemüse und Biotreibstoff oder als Spekulationsobjekt, Land ist begehrter denn je. Staaten wie China und Indien, multinationale Energie- und Rohstoffkonzerne, Banken, Versicherungen und reiche Privatanleger investieren in Grund und Boden. Bevorzugt dort, wo er billig ist, die Eigentumsverhältnisse unübersichtlich sind, die Korruption blüht und zivilgesellschaftliche Strukturen fehlen: in Afrika, Asien, Südamerika oder Osteuropa. Und nicht selten machen die neuen Landlords Jagd auf die Äcker ausgerechnet in jenen Ländern, in denen die eigene Bevölkerung hungert wie in Äthiopien, im Sudan oder in Kenia.
 
Profit, der den Hunger schürt
 
Der "Bodenrausch" der letzten Jahre schürt den Hunger.
 
Minutiös zeichnet Wilfried Bommert diesen beispiellosen „Bodenrausch“ in seinem jetzt erschienenen gleichnamigen Buch nach, der mit dem Crash der Finanzmärkte und der Explosion der Lebensmittelpreise 2007/2008 begann und dessen Ende nicht abzusehen ist. Etwa 40 Prozent der Ackerfläche der Welt stehen nach Schätzungen derzeit zum Verkauf. Land ist heißer als Gold. Es gilt als krisensichere Investition und wirft mit zweistelligen Renditen gigantischen Profit ab. "Spekulation auf Lebensmittel bedeutet, dass die Preise plötzlich nach oben ausschlagen wie 2008, als sie sich verdoppelt haben, und danach wieder fallen. Diese Ausschläge sichern die Profite der Anlagen. Aber insgesamt steigen sie dramatisch. Sonst würden sich die Investitionen nicht rentieren. Und das bedeutet, dass Millionen Menschen auf der Erde hungern“, so der Journalist und Autor.
 
"Nahrungsmittel sind so etwas wie das Erdöl der Zukunft. George Soros sagte kürzlich, Lebensmittel seien im Moment die beste Investition. Die Preise werden sich in den nächsten drei Jahren verdreifachen", bestätigt Bommerts britischer Kollege Fred Pearce, der sich ebenfalls intensiv mit dem Ausverkauf der kostbaren Ressource auf Kosten des armen Südens beschäftigt hat. "Land Grabbing. Der globale Kampf um Grund und Boden" heißt sein Buch, das im September im Kunstmann Verlag erscheint.
 
Ein neues Kolonialzeitalter
 
Pearce wie auch Bommert sehen in dieser Form der Landnahme das Heraufziehen eines "neuen Kolonialzeitalters". Während es früher die Kolonialmächte waren, die sich ganze Kontinente und deren Ressourcen einverleibten, ist es heute das globale Finanzkapital. 
 
Wilfried Bommert nennt in seinem Buch die Gewinner des zynischen Geschäfts, darunter indische Unternehmer wie Ram Karuturi oder saudi-arabische Scheichs ebenso wie die Deutsche Bank oder die Allianz, aber auch die Verlierer: jene Zehntausende von Kleinbauern und Ureinwohnern, die Jahr für Jahr von ihrem angestammten Land vertrieben werden.
 
"Wer sein Land verliert, verliert seine Kultur, seine Existenz"
 
Das gilt etwa für Äthiopien. "Gambela ist ein besonders armer Teil des sehr armen Landes. Man könnte meinen, ausländische Investitionen in die Landwirtschaft könnten helfen, die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln zu verbessern. Aber das Gegenteil ist der Fall", sagt Fred Pearce. "Die ansässige Bevölkerung wird zum Teil mit roher Gewalt vertrieben, ihnen wird das Land weggenommen und an indische oder saudi-arabische Agrarindustrie-Konzerne verpachtet. Die lassen zum Teil sogar ausländische Arbeitskräfte einfliegen und exportieren die gesamte Ernte auf den Weltmarkt."
 
Für die Opfer des "Bodenrauschs" in Afrika und insbesondere in Äthiopien engagiert sich Nyikaw Ochalla von der Non-Profit-Organisation "Anywaa Survival Organization". "In unserer Kultur hat das Land eine enorme Bedeutung. Ich bin als Kind weite Strecken über das Land unseres Stammes gelaufen, ich habe gejagt, gefischt, und wir haben Getreide angebaut. Wenn ein Anuak sein Land verliert, verliert er seine Kultur, seine Geschichte, seine Existenz", sagt er. Ochalla kämpft für die Rechte der lokalen Bevölkerung, denn: "Wenn man Land an ausländische Investoren vergibt ohne den Nahrungsbedarf der einheimischen Bevölkerung zu berücksichtigen, verletzt man damit deren Menschenrecht auf Nahrung."
 
Katastrophale Folgen für die Weltgemeinschaft
 
Doch es sind nicht nur die internationalen Konzerne und Ölmilliardäre, die für die Entwicklung verantwortlich sind. Wilfried Bommert zeigt, wie die Europäische Union mit ihrer Energiepolitik die Nachfrage nach Boden zusätzlich anheizt und die Weltbank mit ihrer Kreditvergabe zum "Brandbeschleuniger" des Agrobusiness avanciert ist. 
 
Die Folgen des von vielen Seiten forcierten "Bodenrauschs" sind für die Weltgemeinschaft katastrophal: angefangen vom drohenden Kollaps der Welternährung über die Beschleunigung des Klimawandels bis hin zur politischen Instabilität ganzer Regionen. "Wenn wir so weitermachen, werden Nahrungsmittel der Sprengstoff der Zukunft sein. Menschen werden hungern, und sie werden Züge voll Lebensmittel vorbeifahren sehen. Und das werden sie sich auf Dauer nicht bieten lassen", sagt Wilfried Bommert.
 
Politik und Zivilgesellschaft in der Verantwortung
 
Sein wichtigstes Anliegen ist es deshalb, Wege zu skizzieren, wie der "Boden wieder zur Grundlage der Welternährung" gemacht werden kann. Neben einer internationalen Konvention mit einklagbaren Regeln für den Handel mit Land gehört für ihn dazu ein radikales Umsteuern der Weltbank, eine Überprüfung von Entwicklungsgeldern im Hinblick auf die Landverteilung und den Bodenmarkt sowie ein Überdenken der europäischen Agrarsubventionen. 
 
Allerdings belässt er es nicht dabei, die Politik in die Pflicht zu nehmen. Vielmehr appelliert er auch an die Zivilgesellschaft und damit an uns als Verbraucher, Konsumenten und Anleger, den "globalen Bodenrausch auszubremsen". 
 
Ähnlich sieht es Fred Pearce: "Wir sind alle an dieser Entwicklung beteiligt. Sie, ich, wir alle. Denn die meisten Pensionsfonds sind an Spekulation mit Lebensmitteln beteiligt, genauso wie viele andere Anlageformen. Unsere Zinsgewinne haben also direkt mit dem Elend der Menschen in Afrika und Asien zu tun."
 
 
Buchtipps
Wilfried Bommert: Bodenrausch. Die globale Jagd nach den Äckern der Welt
Eichborn 2012, Preis: 19,99 Euro
 
Fred Pearce: Land Grabbing. Der globale Kampf um Grund und Boden
Antje Kunstmann Verlag, lieferbar ab 05.09.2012
Preis: 19,95 Euro
 
 
Original source: ARD
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