„Land Grabbing“ – die Gier nach Land

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EinBlick Nr.1/2010, Brot für alle, Fastenopfer (Bern, Luzern Mai 2010)

„Land Grabbing“ – die Gier nach Land

Der Wettlauf um Land verschärft den weltweiten Hunger

Inhaltsverzeichnis

Editorial

Einleitung

Die Gier nach Land verstärkt den weltweiten Hunger

„Land Grabbing“ verletzt das Recht auf Nahrung

„Land Grabbing“ und Klimawandel

Ein Teufelskreis

„Land Grabbing“ und internationale Finanzströme

Der Schweizer Finanzsektor spielt mit

Addax Bioenergy in Sierra Leone

Beispiele und Partner

Bodenspekulationen in Benin auf Kosten der Armen

Grain – Pionierarbeit gegen „Land Grabbing“

Internationale Gemeinschaft

Wo stehen die internationalen Regulierungsversuche?

Fazit und Ausblick

„Win-Win-Situation“ oder einseitige Ausbeutung?

Die Gier nach Land verstärkt den weltweiten Hunger

Ein neues Phänomen bedroht die Ernährungssouveränität in den Ländern des Südens: “Land Grabbing“. Der Verkauf oder die Verpachtung von Land an Drittstaaten und ausländische Investoren verschärfen Armut und Hunger zusätzlich.

Unser Fahrzeug fährt mit hoher Geschwindigkeit von der Ortschaft Mojo aus gegen Südwesten durch das äthiopische Hochland. Seit einiger Zeit fahren wir an einem neu errichteten Zaun entlang - 5 Minuten, 10 Minuten, 15 Minuten. Der Zaun scheint endlos. Dahinter ist nicht viel zu sehen ausser einigen Bäumen und ein bisschen Gras. „Das ist eingezäuntes Land für ausländische Investoren“, erklärt mein Begleiter. Mein Blick gleitet über die unvorstellbar grosse Landfläche. Das war im Jahr 2007.

Zwei Jahre später erklärt Esaya Kebede, Direktor der äthiopischen Agricultural Investment Agency, dass Äthiopien bereits drei Millionen Hektar Land ausgezont habe, um es an ausländische Investoren zu verpachten.1 Eine Fläche so gross wie Belgien. Gleichzeitig sind mindestens 6.2 Millionen Menschen in Äthiopien von Hunger und Mangelernährung betroffen und auf Lebensmittelhilfe angewiesen.

Doch Äthiopien ist bei Weitem kein Einzelfall: Ähnliches geschieht im Sudan, in Sambia, Mosambik, Madagaskar, Laos, Kambodscha und vielen weiteren Staaten, in denen die Mangelernährung der Bevölkerung gravierende Ausmasse erreicht hat.

Kolonialismus mit juristischen Mitteln

Aufstrebende Wirtschaftsnationen wie China oder Indien und vor allem rund 1’000 westliche Investment- und Hedge-Funds (z.B. Passport Capital aus den USA oder PF(LUX)-Agriculture Fund von Pictet aus der Schweiz) sowie Banken (z.B. UBS oder Goldman Sachs) kaufen oder pachten Ackerland in armen Ländern. Als „Land Grabbing“’ (Land an sich reissen, Landnahme) bezeichnete die internationale Nichtregierungsorganisation Grain, eine Partnerorganisation von Brot für alle, diese Vorgänge erstmals im Jahr 2008 und etablierte damit einen neuen Begriff. Die Weltbank und viele Regierungen sprechen lieber vornehm von „landwirtschaftlichen Investitionen“, denn diesen haftet kein neokolonialer Beigeschmack an.

Doch sogar Jacques Diouf, Direktor der Uno-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO), warnte unlängst vor dem Neokolonialismus, der mit dieser Art von Landnahme verbunden sei. Die heutigen Vorgänge sind allerdings subtiler als zu Kolonialzeiten. Waren es früher Armeen, die Land annektierten, so sind es heute Juristen, die im Auftrag von Firmen und Regierungen komplizierte und undurchsichtige Übernahmeverträge abwickeln; oft in einem quasilegalen Rahmen, häufig verbunden mit Korruption und unter Verletzung bestehender nationaler Gesetze.

Landdeals in Millionenhöhe

Die Weltbank beziffert die in Afrika, Lateinamerika und Asien seit dem Jahr 2006 verhandelten oder bereits verkauften und verpachtete Ackerflächen auf rund 50 Millionen Hektaren. Dies entspricht fast der Hälfte des gesamten chinesischen Ackerlandes. Laut Schätzungen der FAO aus dem Jahr 2009 belief sich der auf diese Weise abgewickelte Landausverkauf alleine in Afrika auf 20 Millionen Hektaren. „Wahrscheinlich liegen die Zahlen noch wesentlich höher“, ist Grain überzeugt. Grain veranschlagt, dass bisher etwa 100 Milliarden US-Dollar bereit gestellt wurden, um diese Geschäfte zu finanzieren. Die Weltbank spricht vorsichtig von 50 Milliarden US-Dollar.

„Durch „Land Grabbing“ wird in Entwicklungsländern die industrielle Landwirtschaft auf Kosten kleiner, aber produktiver Familienbetriebe eingeführt,“ ist Henk Hobbelink von Grain überzeugt. Ein grosser Anteil des investierten Kapitals stammt aus Ländern des Südens wie China, Indien, Brasilien, Südafrika und aus dem Nahen Osten. Die Uno-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD) schätzt, dass im Jahr 2008 rund 40 Prozent der grenzüberschreitenden Agrarinvestitionen aus Südländern stammten.

Krisen als treibende Kraft

Zurückzuführen ist die neue Gier nach Landressourcen auf die Krisen der jüngsten Zeit: Die Explosion der Nahrungsmittelpreise im Jahr 2008 führte dazu, dass importabhängige Regierungen den Lebensmittelanbau im Ausland als neue Strategie zur nationalen Ernährungssicherung anzusehen begannen. Staaten wie China, Indien oder Saudi Arabien realisierten, dass ihr steigender Bedarf an Nahrungs- und Futtermitteln auf dem Weltmarkt nicht mehr abgedeckt werden konnte. Vor diesem Hintergrund trieben staatliche und halbstaatliche Firmen mit der Unterstützung ihrer Regierungen den grenzüberschreitenden Handel mit Ackerland voran.

Mit der globalen Finanzkrise wurden bebaubare Flächen auch für die Finanzindustrie interessant. Investitions- und Hedge-Funds sowie Banken bot das Geschäft mit dem Boden nach der Hypotheken- und Finanzkrise neue und sichere Anlagemöglichkeiten mit gutem Renditepotential. Aber auch die Agrarindustrie, die Landmaschinenhersteller sowie zahlreiche Chemie- und Saatgut-Firmen hoffen dank den industriell bewirtschafteten riesigen Ackerflächen auf höhere Einnahmen.

Die sich abzeichnende globale Wasserkrise lässt die Nachfrage nach fruchtbarem Land, das einfach bewässert werden kann, zusätzlich steigen. Und nicht zuletzt wächst die Nachfrage nach Land und dem gesicherten Anbau von Nahrungsmitteln auch durch die Klimaerwärmung, welche aufgrund von unregelmässigen Regenfällen die Produktion von Nahrungsmitteln und anderen landwirtschaftlichen Erzeugnissen in einigen Teilen der Welt stark einschränkt.

Auf Kosten der Ärmsten

Paradoxerweise sind gerade diejenigen Länder, die den Ausverkauf ihrer Landreserven vorantreiben, oftmals von wiederkehrenden Hungersnöten oder von einer verbreiteten Mangelernährung der Bevölkerung betroffen. Verfehlte Entwicklungsvorstellungen sind der Hauptgrund dafür, dass Regierungen trotzdem grosse Landstriche an ausländische Investoren freigeben. Oftmals sind auch Korruption und Bereicherung durch die Eliten mit im Spiel. Einige Regierungen glauben, dass die Verpachtung und der Verkauf von Land zur Steigerung des Bruttosozialprodukts und zu neuen Einnahmen führen, womit es automatisch allen besser gehen sollte.

Im Zuge der Nahrungsmittelkrise wurde vielen Entwicklungsländern zudem vorgeworfen, den Nahrungsmittelsektor vernachlässigt zu haben. Das Verpachten und Verkaufen von Land erachten offenbar verschiedene Regierungen als Möglichkeit, etwas für die Landwirtschaft zu tun – ungeachtet der beträchtlichen sozialen, ökonomischen und ökologischen Auswirkungen.

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Original source: Brot für alle
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