Land Grabbing -- Wettlauf um Ackerland

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24.10.2010

Neue Form des Kolonialismus
Land Grabbing -- Wettlauf um Ackerland

Immer mehr Länder, Nahrungsmittelkonzerne, Banken und Investmentfonds pachten langfristig Ackerland in den afrikanischen und asiatischen Entwicklungsländern. Ihr Ziel ist es nicht, Nahrungsmittel für die Menschen vor Ort zu produzieren, sondern es geht einzig um den Export.

Noch nie war Ackerland so begehrt wie heute. Weltweit steigen die Agrarpreise. Vor allem Raps und Weizen stehen hoch im Kurs, aber auch Reis und Mais bringen sichere Rendite. Von diesem Geschäft wollen viele profitieren. Konzerne, Banken, Investmentfonds und sogar Länder wie China und Saudi Arabien sichern sich weltweit gigantische Anbauflächen, um dort Lebensmittel für den Weltmarkt oder im Falle Chinas für den Eigenbedarf anzubauen. Experten schätzen, dass allein in den vergangenen vier Jahren zwischen 22 und 50 Millionen Hektar Land in Afrika, Asien und Lateinamerika an ausländische Investoren veräußert wurde. Das entspricht fast der Hälfte der Anbaufläche von ganz Europa. Ein Milliarden-Monopoly ist im Gange. Besonders begehrt dabei sind die Entwicklungsländer. Hier ist das Land billig und die Löhne sind niedrig. "Das Problem ist, dass die meisten dieser Länder schwache Regierungen haben", sagt der UN-Beauftragte für das Menschenrecht auf Nahrung Olivier de Schutter, "es gibt dort kaum gesetzliche Regelungen. Die Investoren bekommen das Land von den örtlichen Eliten und können dann dort anbauen, was sie wollen."

Keine klaren Besitzverhältnisse

Die Investoren bauen vor allem Getreide, Reis, Mais und die Biospritpflanzen, aber auch Rosen für Europa an. Sie bestellen ihre Felder mit Traktoren aus den USA, nutzen genoptimiertes Saatgut und Düngemittel und berieseln mit Trinkwasser ihre Felder. Milliarden von Kleinbauern, Fischern und Nomaden sind die Leidtragenden. Sie können sich nicht mehr selbst verpflegen. Maschinengewehre und Wachpersonal versperren ihnen den Weg zu Wasser und Land. Früher habe er gutes Land gehabt, erzählt zum Beispiel der 40-jährige Fandu aus Äthiopien, doch dann habe die Regierung ihn einfach weggescheucht. Eine Entschädigung haben er und seine Familie nie bekommen. Sechs Kinder hat Fandu und das Siebte ist gerade unterwegs. Das Land, das seine Familie früher ernährte, hat die äthiopische Regierung an einen indischen Großinvestor langfristig verpachtet. Denn in Äthiopien gehört der Regierung das komplette Land.

Auch deutsche Anleger spekulieren

Die Landdeals finden meist im Verborgenen statt. Sie werden inzwischen mit dem Begriff "Land Grabbing" -- Land Raffen -- umschrieben. Auch deutsche Banken und Anlageberater beteiligen sich meist über Investmentfonds an dem wachsenden Agrarmarkt. Sie versprechen in ihren Broschüren und im Internet lukrative Gewinne. "Wir haben ein Bevölkerungswachstum. Wir haben geänderte Essgewohnheiten in China und Indien, wo immer mehr Menschen Fleisch essen", erklärt ein Anlagerberater in einem Werbevideo einer großen Bank und folgert: "Das bringt Druck auf das Land. Sie brauchen deutlich mehr Land, um Fleisch zu produzieren, und wir haben das Thema des Biotreibstoffs - auch hier gibt es starke Nachfrage!" Doch eines verschweigt er. Nicht nur die Weltbevölkerung steigt, auch die Zahl der Hungernden. Fast eine Milliarde Menschen haben täglich nicht genug zu essen. Durch die Finanzkrise haben die Entwicklungsländer seit 2008 zusätzlich zu ihren bisherigen Ausgaben rund 700 Milliarden Dollar für den Import von Nahrungsmitteln ausgeben müssen.

Goldrauschstimmung bei den Investoren

Auch Äthiopien muss jährlich für fünf Milliarden Dollar Lebensmittel einführen und bekommt fast zwei Milliarden an Hungerhilfen. Jeder zweite gilt als unternährt. Trotzdem lockt die Regierung mit niedriger Pacht und hohen Steuergeschenken ausländische Großinvestoren aus Saudi-Arabien, England, Deutschland und Indien. Der indische Karuturi Konzern baut zum Beispiel auf riesigen Flächen Rosen für Europa an. Das Geschäft boomt, der Boden ist fruchtbar, die Arbeit billig. "Hier ist es wie einst beim kalifornischen Goldrausch. Man muss nicht wirklich schlau sein, um in Äthiopien Landwirtschaft zu betreiben Ich würde sogar sagen, dass man geradezu dumm wäre, es nicht zu tun. Es gibt hier 80 Millionen Menschen. 120 Millionen Hektar Land und die politischen Rahmenbedingungen stimmen und die idealen Klimabedingungen. Was will man mehr", schwärmt der Geschäftsführer des Konzerns. Weitere Farmen für Weizen und Biosprit sind in Planung.

Autor: Michael Ringelsiep (SWR) Fernsehbeitrag vom 24.10.2010

Original source: SWR
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