Landnahme in Äthiopien
Published: 03 Apr 2011
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Reiche Ernte. Das Gemüse wird dahin gebracht, wo gut dafür bezahlt wird. Es zu probieren, ist den Arbeiterinnen verboten. Foto: Christian Brüser

Der Tagesspiegel | 03.04.2011

Von Christian Brüser

Das Klima ist ideal, Arbeitskräfte sind billig und die lukrativsten Märkte sind nur wenige Flugstunden entfernt. In Äthiopien züchten Investoren tonnenweise Gemüse und Reis. Jedoch nicht für die Bevölkerung.

Sie hat sich vorgestellt, „... also noch mal, ich bin Susan Payne, Geschäftsführerin von Emergent“, Emergent Asset Management, eine Anlageberatungsfirma, gegründet 1997 in London. Und dann spricht sie von den aufregendsten Win-Win-Möglichkeiten, die sich internationalen Investoren derzeit böten: von Landwirtschaft, „besonders in Afrika“.

Sie erinnert an das Jahr 2008, an Hungerrevolten in 15 Ländern, an eine Warnung der Welternährungsorganisation FAO, die da lautete: „Wenn wir zwischen 2010 und 2050 die Nahrungsproduktion nicht um 70 Prozent erhöhen, erwarten uns weitreichende Probleme.“

Es ist die zweite Novemberwoche 2010 und unter Tiefdruckeinfluss gerade kalt geworden in Genf.

Im Hotel Intercontinental findet eine Konferenz statt, wie es sie weltweit zuvor erst einmal, in Europa zuvor noch nie, gab: die „Global Ag Investing“, Teilnahmegebühr 2000 Dollar. An zwei Tagen will Veranstalter Soyatech Unternehmen, die Investitionskapital einsammeln, wie Emergent, mit potenziellen Geldgebern zusammenbringen. Susan Payne gehört zu ersteren. Sie ist eine von wenigen Frauen und fällt mit roten Haaren und glänzenden Strümpfen zwischen den vielen Herren in Anzügen auf. Seit 24 Jahren ist sie im Finanzsektor tätig und erfolgreich: 500 Millionen Euro hat sie im vergangenen Jahr für ihren Agrar-Fonds zusammenbekommen. Und sie will mehr.

Die den Geschäften zu Grunde liegende Rechnung heißt: Die Weltbevölkerung nimmt zu, landwirtschaftlich nutzbare Flächen nehmen ab, Agrarland wird also immer wertvoller. Verspricht darum hohe und sichere Renditen. Das gefällt dem Publikum, das ihr zuhört.

Während über die dicken Teppiche im teuren Hotel Zahlen und afrikanische Ländernamen gereicht werden, stehen draußen vor der Tür ein paar Protestler, die die drinnen angepriesenen „ausländischen Direktinvestitionen in die Landwirtschaft“ als „Land Grabbing“ beschimpfen, eine Art Landraub.

Räumkommando. Bulldozer werfen Bäume um und schieben sie beiseite. So schnell wird Urwald vernichtet – und neues Ackerland gewonnen. Foto: Christian Brüser

Land gibt es in Afrika im Überfluss. Investoren suchen mithilfe von Satellitenerkundung, Agrar- und Wasserexperten die besten Gebiete aus. Sie pflanzen an und bringen die Ernte dann weg. Dahin, wo dafür bezahlt wird.

In der Packstation der Jittu-Horticultures-Gemüsefarm in Debreseit, 50 Kilometer entfernt von Addis Abeba, steht Jan Prins, ein Niederländer. Es ist kühl hier. Und es sieht aus, als hätte eine Feldgöttin ihr Füllhorn ausgeleert: Spargel, Radieschen, Kürbis, duftendes Basilikum. Die Farm beschäftigt 3000 Menschen, sie ist ein High-Tech-Dorado mit einer computergesteuerten Pump-Station, die jeden Sektor der riesigen Farm einzeln ansteuern kann, um die Pflanzen mit Wasser und gleichzeitig mit Dünger, Herbi-, Fungi- oder Pestiziden zu versorgen.

„Pro Woche erzeugen wir 180 000 Kilogramm Gemüse und bringen damit jede Woche 200 000 Dollar ins Land“, sagt Prins. Er stammt aus einer Tomatenzüchterfamilie. 2005 kam er als Berater für den Tomatenanbau nach Äthiopien und hat schnell gemerkt, dass Gemüseerzeugung hier noch viel profitabler ist als in den Niederlanden. „Uns stehen hier verschiedene Höhenlagen zur Verfügung“, sagt Prins. „Brokkoli erzeugen wir auf 1900 Metern, Tomaten auf 1600 Metern und Erdbeeren auf 2400 Metern, wir brauchen uns nur auszusuchen, welche Temperatur wir brauchen.“

Das Klima ist also ideal, Arbeitskräfte sind billig und die lukrativsten Märkte der Welt sind nur zwei Flugstunden entfernt. Jittu Horticultures beliefert Kunden im Nahen Osten, Fünf-Sterne Hotels in Dubai, in Katar, Bahrain und Saudi-Arabien. „Die geben am Morgen ihre Bestellung auf, mittags verlassen unsere Produkte die Farm, abends sind sie am Flughafen und am folgenden Morgen beim Kunden“, sagt Jan Prins.

Gemüse in Spitzenqualität für Ölmilliardäre – hergestellt in Äthiopien, dem Land, das wie vielleicht kein anderes in Afrika mit Hunger und Unterernährung verbunden ist. Jeder Zehnte der 80 Millionen Äthiopier ist, während Brokkoli aus Debreseit in der Hotelküche in Katar vor sich hin gart, vom Wohlwollen internationaler Geber abhängig.

Dazu sagt Jan Prins: „Die Regierung braucht Devisen. Wir bringen Devisen ins Land, und damit kann sie den Weizen für die Hungernden kaufen.“ Und: „Menschen ernähren, die sich nichts kaufen können, ist die Aufgabe der Regierung.“

Abends im Quartier einer Arbeiterin der Gemüsefarm. Sanait ist 20 Jahre alt. Gemeinsam mit einer anderen Arbeiterin lebt sie in einem kleinen Verschlag. Gestampfter Lehmboden, in der Ecke liegt eine Matratze für beide Frauen, von der Decke baumelt eine Glühbirne. Wasser müssen die beiden kanisterweise kaufen und hunderte Meter heranschleppen. An der Lehmwand hängt ein Plakat mit indischen Filmstars, doch Sanait war noch nie im Kino.

Ihre Eltern leben zwei Autostunden entfernt. Seit einem Jahr arbeitet sie auf der Farm. Sie erntet, und manchmal pflanzt sie Setzlinge aus. Sie arbeitet sechs Tage pro Woche von sechs Uhr früh bis halb fünf nachmittags mit 90 Minuten Pause, und verdient umgerechnet etwa 16 Euro. Das ist auch für äthiopische Verhältnisse wenig. „Ich habe das Gemüse von der Farm noch nie gegessen“, sagt Sanait. „Es ist verboten, es zu probieren.“

Bei Susan Payne hat sich das anders angehört. Sie hatte im Genfer Hotel Intercontinental gesagt, dass die lokale Bevölkerung die Investitionen unterstütze. „Die Leute sind begeistert, der Dorfchef bedankt sich jedes Mal persönlich. Es ist wirklich bewegend. Es ist das Aufregendste, das ich in meinen 24 Jahren im Finanzsektor gemacht habe!“

Als wäre es sein Feldherrenhügel hat sich Mundodan Razzaq auf einem Hügel bei Bako aufgebaut, das ist 220 Kilometer westlich der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Eine riesige Fläche erstreckt sich bis zu den Hügelketten am Horizont. 15 Kilometer lang und sieben Kilometer breit. Auf der Hälfte, die noch nicht gerodet wurde, stehen Büsche und kleine Bäume, dazwischen grasen Hunderte von Kühen und Ziegen.

Razzaq ist im Örtchen Bako Senior Manager von Karuturi Global Ltd., einer von Indern geführten Agrarfirma, die hier Mais, Reis und Ölfrüchte anbauen will. Sie ist dabei zu roden, Drainagen und Wege anzulegen. Eine Landebahn wird auch gebaut, damit Flugzeuge spritzen können. Im Juni will man fertig sein.

Ja, da seien jetzt noch ein paar Tiere, sagt Razzaq, aber wenn das Pflügen beginne, werde man die woanders hinbringen. „Das ist kein Problem.“

Am Fuß des Hügels stehen die Farmgebäude. Schmucklose Wellblech-Baracken, Traktoren und Container. Ein Dutzend Spezialisten aus Indien arbeitet auf der Farm, erklärt Razzaq, und etwa 400 Äthiopier, teils seien sie angestellt, teils arbeiteten sie tageweise.

Zu denen gehören beispielsweise Tigre Mamo, Abeto Fekado, Hailu Kitler und Fikru Odadscho. Sie wohnen im Dorf neben der Farm und berichten von enttäuschten Hoffnungen. Als die Behörden ihnen das erste Mal von den ausländischen Investoren erzählten, hätten sie Strom, bessere Gesundheitsversorgung, Schulen, Straßen und Wasser versprochen, doch nichts davon sei gekommen. Stattdessen habe man ihnen das Land weggenommen, auf denen sie Sesam oder Mais anbauten, auf dem ihr Vieh weidete. „Wenn mein Vieh nun in die Nähe der Farm kommt, wird es von den Wachmännern verjagt, und falls es die Felder betritt, bringt man mich vor Gericht“, sagt Tigre Mamo. Einige Dorfbewohner seien aus diesem Grund ins Gefängnis gesperrt worden.

200 betroffene Familien – rund 1000 Personen – haben sich nun zu einer Bauernvereinigung zusammengeschlossen und sich bei der Regionalregierung beschwert, dass sie von den Feldern vertrieben wurden. Bisher haben sie keine Antwort erhalten.

Die Regierung, das ist auch Esayas Kebede, eine elegante Erscheinung im anthrazitfarbenen Anzug, einer, der sich in der Fünf-Sterne-Welt der Investoren zu bewegen weiß. Er ist Chef der Investitionsagentur des äthiopischen Landwirtschaftsministeriums und damit Ansprechpartner für alle ausländischen Investoren, die hier Agrarland pachten wollen. Kaum dass er auf dem Sofa Platz genommen hat, beginnt er mit einem Werbevortrag. Äthiopien habe eine Landfläche von 111 Millionen Hektar. Fast 70 Prozent davon seien für die Landwirtschaft geeignet, aber nur 14 Prozent würden gegenwärtig bewirtschaftet. Da es in Äthiopien kein Privateigentum an Land gibt, sondern alles Land dem Staat gehört, kann die Regierung es an Investoren vergeben. 3,6 Millionen Hektar – das entspricht der Größe Belgiens – habe man für Investoren bereit gestellt. Und was die Bauern aus Bako berichteten, sei falsch.

„Unsere Verfassung räumt den Bauern höchsten Stellenwert ein“, sagt Kebede. „Unsere Bauern haben das Recht, ihr Land, das ihnen die Regierung gegeben hat, für immer zu besitzen.“ Außerdem bewirtschafteten die einheimischen Bauern nur 15 Millionen Hektar, während 50 Millionen brach liegen. Wozu solle man da jemanden vertreiben?

Vor 40 Jahren waren noch 40 Prozent Äthiopiens mit Wald bedeckt, heute sind es knapp drei Prozent. Und täglich wird es weniger. Im Westen des Landes sollen nach dem Willen der Regierung relativ unberührte Urwälder in Flächen für High-Tech-Landwirtschaft verwandelt werden. Im Gegensatz zum dichtbesiedelten Hochland leben hier an der Grenze zum Sudan nur sehr wenige Menschen. Mit Steuerbefreiungen und extrem niedrigen Pachtraten lockt die Regierung ausländische Investoren.

Links und rechts einer 40 Kilometer langen Schotterpiste, die von der Provinzhauptstadt Gambella zur Karuturi-Farm führt, werden Urwälder gerodet. Ein Bulldozer wirft die Bäume um und schiebt sie beiseite. So schnell wird hier Ackerland geschaffen.

Einer der ersten Investoren in dieser Region Gambella war der in Äthiopien geborene saudische Scheich Al Amoudi. Seine Firma Saudi Star baut unter der Leitung pakistanischer Experten auf 10 000 Hektar Basmati-Reis an. Die erste Ernte wurde 2009 zeremoniell an den Saudischen König übergeben. Seitdem baut Saudi Star kontinuierlich an, eine Million Tonnen Reis will man künftig in Äthiopien produzieren. Drei weitere indische Investoren haben bereits Verträge unterschrieben, aber die größten Flächen hat sich schon Karuturi gesichert.

Noch ist nicht viel zu sehen. Ein paar Fertighäuser, Container und ein dröhnender Stromgenerator. Aber wenn die Farm fertig ist, wird sie mit 300 000 Hektar größer sein als Luxemburg.

Farm-Manager ist Karm-jiit Sekhon, 68, ein Sikh, der bereits in anderen Ländern Afrikas Großfarmen geleitet hat. Er weiß, was noch alles geplant ist – Entwässerung, Bewässerung, internes Straßennetz, Tankstellen, Lagerhäuser, Werkstätten, Gesundheitsstationen – und jongliert bereits mit gewaltigen Zahlen. 15 000 Hektar Zuckerrohr, 40 000 Hektar Reis, 18 000 Hektar Mais.

60 000 Hektar sollen im ersten Jahr bewirtschaftet werden, 100 000 im zweiten. „Man braucht drei Dinge“, sagt Sekhon: „Maschinen, Menschen, Geld, und glücklicherweise haben wir alle drei.“

Auf allen Karten Äthiopiens ist in Gambella ein Nationalpark eingezeichnet. Die Wildbehörde hat die Region zweimal systematisch überflogen und einen eindrucksvollen Tierbestand dokumentiert. Löwen, Leoparden, Büffel, Elefanten, vor allem aber die zweitgrößte Tiermigration der Welt. Wie in der Serengeti wandern hier 800 000 bis eine Million Weißohrmoorantilopen oder white eared cob im jährlichen Zyklus zwischen Äthiopien und dem Sudan hin und her.

Es gab auch weder eine Umweltverträglichkeitsprüfung, noch hat jemand bedacht, wie sich die Abholzungen und die Bewässerung auf den Wasserhaushalt auswirken werden. 2009 hatte man in den Sümpfen Reis angebaut, aber nicht bedacht, welche Flächen während der Regenzeit unter Wasser stehen werden. Ergebnis: Die Reisernte ist abgetaucht. Nun gräbt man Entwässerungskanäle, um den Sumpf trocken zu legen. Ein einzigartiges Feuchtgebiet wird vernichtet. Welche Auswirkungen das am Unterlauf der Flüsse, am Nil im Sudan und Ägypten haben wird, ist unbekannt. Und die Frage, ob ein Nationalpark und der Schutz bedrohter Tierarten langfristig nicht eine viel lohnendere Investition gewesen wäre, die der lokalen Bevölkerung deutlich mehr Arbeitsmöglichkeiten verschafft hätte, wurde nicht einmal gestellt.

Saudi Star will ausbauen – und auch Herr Sekhon von Karuturi hat große Träume. „Mein Chef sagt, wenn ich 200 000 Hektar gut bewirtschafte, bekomme ich eine Million Dollar.“

Sein Chef, Ramakrishna Karuturi, hat in Bangalore als Rosenexporteur angefangen. Seine erste Million machte er am Valentinstag 1998, heute ist er der größte Rosenproduzent der Welt. Nun will Karaturi auch im Agrarsektor der Größte werden. Die Firma Karuturi Global Ltd. ist an der Börse in Bombay notiert. Börsenwert rund eine Milliarde Dollar. Auch die Deutsche Bank zählt zu den Aktionären.

Karuturis äthiopisches Büro ist in der Hauptstadt Addis Abeba. Der Chef zeigt unter dem schwarzen Schnurrbart ein Siegerlächeln mit strahlendweißen Zähnen und will von Kritik an seinen gigantischen Monokulturen nichts hören, von organischer, angepasster Landwirtschaft auch nicht. „Auf solche Ideen kommen nur erleuchtete Intellektuelle, die nicht wissen, was Hunger ist“, sagt er und spottet: „Ein paar Orangenbäume hier, ein paar Apfelbäume dort, dazwischen Mais – wie im Paradies“, aber in Wirklichkeit zeige ein Blick auf die Welternährungssituation, dass die globalen Bestände für weniger als 70 Tage reichen. Karuturi sagt: „Noch nie, seit die Menschheit einen gewissen Grad der Organisation erreicht hat, war sie so nahe am Verhungern.“

Da geht es, wie es scheint, der Welt nicht anders als Äthiopien, dem Land der Hungerleider und Brokkolihänge.

Der UN-Index für globale Nahrungsmittelpreise stieg Ende 2010 auf ein Rekordhoch. Die Rekordwerte von 2008 wurden übertroffen. Und die FAO, die Welternährungsorganisation, rechnet mit einem weiteren Preisanstieg. Im Mai findet die nächste „Ag Investing“ statt. Diesmal in New York.